Tim Renner "Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm!"
Tim Renner "Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm!"
 

Buchbesprechung
Text: Ralf Niemczyk

Zum Abschied genügt ein lapidarer Satz: "Und so ging ich dann." Tim Renner steigt in ein Taxi. Schon bald verschwindet die backsteinerne Zentrale an der Spree aus seinem Blickfeld. Nach siebzehneinhalb Jahren verlässt er die Plattenindustrie. Das Experiment seines Lebens, Popmusik und Kapital zumindest für einige magische Momente zu versöhnen, ist damit beendet.

Zumindest innerhalb der Strukturen eines internationalen Konzerns. Er tritt hinaus in eine Zukunft, die sich schon lange abgezeichnet hatte: Durch endlose Managermeetings, krisenhafte Fusionswellen und kurzatmige Produkte. "Es wird höchste Zeit, das Musikgeschäft neu zu denken." Renner gönnt sich eine Reise um die Welt. Drei Wochen lang Reflexion zwischen Shanghai, Sydney, San Piedro de Atacama und Buenos Aires. "Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und der Erneuerung zwischen alter Baumasse und Moderne." Auf diese Weise entsteht ein Szenario, wie es weitergeht mit der Popmusik, der Medienwelt und all den technologischen Errungenschaften, die verzweifelt auf stimmige Inhalte warten. Renners Branchen übergreifende Analyse wird ganz konkret - zur Grundlage für seinen eigenen Neubeginn. Gleichzeitig bekommt die Chronik der populären Musik zwischen Titeln wie "DJ Culture", "Hitmen" oder "Rap Attack" eine weitere, ganz aktuelle Facette. Im Popjahrgang 2004 überstrahlen die Irrungen und Wirrungen der Ökonomie die musikalischen Entwicklungen. "Kinder, der Tod.." sagt, wie es soweit kommen konnte. Und welche Konsequenzen sich daraus ergeben.

Als Tim Renner mit 22 bei der Hamburger Plattenfirma Polydor anheuerte, wollte er nichts weiter als ein wenig subversive Energie in die "Industrie" hineintragen. Ein wenig von der "Do It Yourself"-Philosophie verbreiten, die er zuvor als junger Journalist und Radiomacher bei den unabhängigen Kleinlabels schätzen gelernt hatte. Die Fortführung von Punk und New Wave am Schreibtisch eines Majors. Außerdem ließ sich diese teilnehmende Beobachtung als Material für eine wohlfeile Enthüllungs-Geschichte über ein "böses" System verwenden. Falls die Sache schief laufen sollte. Es lief aber nichts schief. Renner stieß 1986 vielmehr in ein Vakuum und bekam Verantwortung.
Erst für die Kreuzberger Band Element Of Crime, dann für eine kleine "Progressiv"-Abteilung, später als Chef des Unterlabels Motor Music.

Dieser Marsch durch die Pop-Institutionen bildet den roten Faden von "Kinder, der Tod..." (der Titel ist übrigens geborgt von der Frühachtziger-Band Palais Schaumburg...). Dabei geht es nicht um die üblichen Anekdoten über den Rock`n`Roll- oder Techno-Lifestyle. Renner stellt seine Biografie in den Kontext maßgeblicher Branchenentwicklungen, die - betrachtet aus heutiger Perspektive - geradewegs in die Katastrophe führten: "Ich kam gerade rechtzeitig zum hundertsten Geburtstag der Schallplatte in den Polygram-Konzern. 1987 wurden Emil Berliner und seine Erfindung gefeiert. Wir bekamen einen Ersttagsbrief mit den Jubiläumsbriefmarken der Deutschen Bundespost und eine Festschrift geschenkt", erinnert er sich. Doch die im August 1982 präsentierte CD war zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr aufzuhalten. Die seinerzeit noch zur holländischen Phillips-Gruppe gehörende Polygram drückte die Konzern-eigene Erfindung im Verbund mit Sony massiv auf den Markt. Bauernschlaue Verhandlungstricks in New York brachten die übrigen Firmenbosse auf Linie.

Tim Renner betrachtet das ganze Bild. Er beschreibt die (schwindenden) Einflüsse von Impressarios wie Ahmed Ertegun (Atlantic), Chris Blackwell (Island), Richard Branson (Virgin) oder Siggi E. Loch (Gründer von Warner Deutschland). Er dokumentiert den Wandel der Medienszene und den Beginn der Formatierung der deutschen Radiolandschaft. Ende der Achtziger ging Polygram an die Börse. Labelmanager Renner erhielt 500 Anteilsscheine.

Das Kapitel "Der Sündenfall" beginnt. Die erzielten Erlöse in Höhe von 560 Millionen Dollar führten Polygram zu einer massiven Shopping-Tour durch die USA. Vormals eigenständige Label wie Island, A&M, Motown oder Def Jam wurden übernommen. Für die deutsche Dependance ein Zugewinn an interessanter Musik, doch die damit verbundene Quartalsplanung wurde "das vorherrschende Thema der späten neunziger Jahre". Plötzlich sollten die Erlöse der Bands und Musiker detailliert planbar werden. Ein hektischer Tanz mit Bilanzkosmetik und Sonderaktionen begann: "Verzweifelt versuchte man, das mit immer neuen, immer absurderen Vetriebsaktionen zu kompensieren."

1998 wurde Tim Renner zum "Musik-Präsidenten" von Polygram Deutschland befördert. Gerade rechtzeitig, um die anstehende Übernahme durch den kanadischen Schnapskonzern Seagram mitzuerleben, der drei Jahre zuvor bereits Universal Music erworben hatte. Eine Megafusion stand an; verbunden mit jährlichen Einsparungen von 300 Millionen Dollar. "Die beiden Jungs in schwarzen Anzügen hatten noch nie eine Musikfirma von innen gesehen, doch der großen Aufgabe schienen sie gelassen ins Auge zu schauen." Derweilen bereitete die einstige Mutterfirma Philips, die nun keinerlei musikalische Inhalte mehr vertreten musste, die Einführung ihres CD-Brenners vor. Der Druck auf dem Kessel stieg. Renner zeichnet nach, wie seine einstigen Leidenschaft zur wilden Umsatzjagd mit Bravo-Hit-Compilations, trickreichen Manipulationen der Charts und MTVIVA-Rotationen mutierte.
Das Fazit der "Zukunftswerkstatt" auf Hotel Schloss Waldeck verhallte.

Bereits 1993 hatte sich die Branche auf internen Tagungen wie dieser mit der eigenen Fortentwicklung beschäftigt. 35 Seiten umfasste die 10-Jahres-Prognose der jüngeren PolyGram-Abteilungsleiter. Die sich abzeichnende technologische Umwälzung wurde genau aufgeschlüsselt, der Vertrieb über "Data-Superhighways" in Aussicht gestellt. Ergebnisse, die viel zu lange im Giftsschrank blieben. Das "digitale Beben" fand außerhalb der Konferenzräume der Musikbranche statt. Napster und Co. ließen es krachen. Die Technologie-Hysterie um Universal/Vivendi oder AOL/Time Warner fiel dagegen in sich zusammen. Die New Economy loderte auf und verglühte. Die ohnehin geschwächte Musikindustrie stand plötzlich mit leeren Händen da. "Von 1997 bis 2003 ging ein knappes Drittel des Gesamt-Marktes verloren. Mittlerweile nähern wir uns der Hälfte." Eine Entwicklung, die letztlich auch Tim Renner hinwegfegte. Dem CEO der größten deutschen Plattenfirma blieb nichts anderes übrig, als die Vorgaben der internationalen Controller zu erfüllen. Da ist er dann lieber gegangen.

Renners Erinnerungen bilden keine abgeschlossene Saga, an deren Ende vielleicht ein Bauernhaus in der Normandie samt Ziegenherde und Käserei steht. Im zweiten, nach vorne gerichteten Teil von "Kinder, der Tod.." ordnet er in einem strukturierten Überblick das Rüstzeug für die Zukunft: "In der Medienwirtschaft fallen drei entscheidende Faktoren auf - Inhalt, Kapital und Verantwortung. Nur wenn alle drei im gleichen Maße zum Tragen kommen, steht die Branche auf festen Beinen." Er untersucht beispielhaft neun Segmente und weist nach - etwa am Beispiel des Sportartikelherstellers Puma - wie Nischenkonzepte auch für eine weltweit vertretene Marke funktionieren. Er stellt Geschäftsmodelle aus TV, Radio oder Print vor, wo die nächsten Innovationswellen bereits greifen oder unmittelbar vor der Marktreife stehen. Dabei verfällt er nicht eine befreite Hurra-Euphorie.
Die Effekte der Digitalisierung attackieren weiterhin die Massenmärkte.

Nicht nur das "System Quote" ist ebenso bedroht wie das Geschäftsmodell der Musikwirtschaft. Renner zieht daraus seine persönlichen Konsequenzen und kündigt ein Weitermachen in überschaubaren, flexiblen, eigenverantwortlichen Strukturen an.

Seine kommende Zentrale ist die Website arrow_link.gifwww.motor.de.

Eine Musik- und Inhaltefirma, die vieles von dem verknüpft, was er in über 20 Jahren gelernt hat.

 
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